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Tage Alter Musik in Herne: Die Welt und wir

Sonntag, 16. November - 0:00

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Tage Alter Musik Herne 2025

Die Welt und wir
Kulturelle Aneignung in der Musik vom Mittelalter bis zur Moderne.

Die zweimonatige Belagerung Wiens durch ein osmanisches Heer im Jahr 1683 muss für die Bevölkerung schrecklich gewesen sein, allein schon wegen der Angst, dass die Stadt eingenommen werden könnte. Zum Friedensschluss kam es erst 1699 in einer Art Zeltstadt nahe Karlowitz in Serbien. Ein anonymer zeitgenössischer Kupferstich illustriert das Geschehen dort als »Théâtre de la Paix entre les Chrestiens et les Turcs« und spielt damit auf den performativen Aspekt der Verhandlungen an. Später schickten die Osmanen mit dem Botschafter Ibrahim Pasa eine Mehterhâne nach Wien: eine Kapelle aus 30 Musikern, die auch öffentlich das spielte, was wir noch heute als Janitscharenmusik bezeichnen. Diese Musik machte in der von Schlagwerk und Blasinstrumenten dominierten Besetzung und ihrer rhythmischen Prägnanz einen gewaltigen Eindruck. Sie wurde bald in den europäischen Militärkapellen imitiert, dann von der Kunstmusik karikiert. Sie gilt als ein bekanntes Phänomen jener »Türkenmode«, die sich aber ebenso in Kammermusik und Liedern mit weitaus friedvollerem Charakter manifestierte. Das Ensemble Anima Shirvani wird diese Situation eines bemerkenswerten kulturellen Austauschs in Herne in Erinnerung rufen und dabei sowohl die ursprüngliche Mehterhâne-Musik erklingen lassen wie auch den Reflex darauf etwa bei dem Wiener Komponisten Johann Joseph Fux (Anima Shirvani am 16.11.).

Das Ensemble Anima Shirvani
Damit ist das Thema der diesjährigen Tage Alter Musik in Herne umrissen: »Kulturelle Aneignung«. Problematisch wird sie immer dann, wenn sie mit Dominanz- und Verdrängungsbestrebungen einhergeht, z. B. auch in Form von Kommerzialisierung und bloßem Exotismus. Dafür gibt es mittlerweile ein geschärftes Bewusstsein. Aber nicht jede Auseinandersetzung mit dem Fremden ist eine Aneignung im negativen Sinn einer Bemächtigung. Es kann sich darin auch eine wertschätzende Inspiration ausdrücken. Wer wollte etwa Mozarts bekanntes »Rondo Alla Turca« ernsthaft als Beispiel eines eurozentristischen Dominanzbestrebens brandmarken? Es ist ein brillantes Klavierstück wie viele andere auch.

In unserem Festival geht es darum, produktive und künstlerisch reizvolle Aspekte musikalisch-kultureller Aneignungen aufzuzeigen. Zum Beispiel in der italienischen Oper, einem Importartikel, der im England des 18. Jahrhunderts durch Komponisten wie Händel, Bononcini und Porpora schnell zu einer elitären Angelegenheit wurde. Deren Auswüchse karikierten Johann Christoph Pepusch und John Gay in der »Beggar’s Opera«, die in der Londoner Gangsterwelt spielte und mit volkstümlichen Melodien punktete. In »Polly«, einer Fortsetzung zur »Beggar’s Opera«, drehten sie die Sache dann noch weiter und verlagerten die Handlung in die Karibik. Das war auch als Kritik am britischen Kolonialismus und den Auswirkungen des Finanz-Crashs der South Sea Bubble zu verstehen. Für die lautten compagney Berlin bietet »Polly« nun eine Steilvorlage, alte Denkmuster lustvoll zu dekonstruieren. Dabei werden Stars des karibischen Punta Rock in die »Kolonialoper « integriert. Sie setzen eigene Akzente, indem sie das kritische Liedgut der Garifuna weiterschreiben, einer indigenen Volksgruppe, der es gelang, ihre Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht zu wahren (lautten compagney Berlin am 14.11.).

Die Lautten Compagney Berlin
Die Basken sprechen bis heute das einzigartige »Euskara«, die älteste Sprache Westeuropas. Das hat sie aber keineswegs in den Isolationismus geführt. Das Euskal Barrokensemble macht es sich zur Aufgabe, die vielfältigen Beziehungen, die die Basken zu ihren Nachbarn und weit darüber hinaus unterhielten, in Form einer musikalischen Reise lebendig werden zu lassen. Diese Reise beginnt an der nordspanischen Küste und führt bis nach Südostasien – im Gefolge des baskischen Seefahrers Juan Sebastián Elkano und seiner Mannschaft, die die Weltumsegelung des Portugiesen Magellan vollendeten (Euskal Barrokensemble am 14.11.).

Das Euskal Barrokensemble
Eine besondere Art des Kulturtransfers widerfuhr den Werken des Komponisten José de Torres, der als Kapellmeister am Madrider Hof wirkte. Seine Kantaten waren so populär, dass sie bis in die spanischen Überseegebiete gelangten und dort oft auch von indigenen Musikern aufgeführt wurden. So blieb diese Musik etwa an der Kathedrale von Antigua Guatemala noch lebendig, als sie in Spanien längst aus der Mode gekommen war und die meisten Notenmanuskripte des Komponisten gar einem Brand zum Opfer fielen. Ein weiteres Beispiel für den musikalischen Austausch zwischen Spanien und seinen südamerikanischen Kolonien ist die populäre Form der Jácara, in der mexikanische und andalusische Tanzformen verschmelzen (Al Ayre Español am 13.11.).

Das Ensemble Al Ayre Español
Ein produktiver Ideentransfer lässt sich in der Vokalpolyphonie des 15. und 16. Jahrhunderts auf dem europäischen Kontinent beobachten. Damals prägte der französische Kleriker Martin Le Franc den Begriff »Contenance Angloise« für eine ›englische Art‹ des Musizierens. Er hatte dabei wohl die Werke seiner englischen Zeitgenossen John Dunstaple und Walter Frye im Ohr, die sich durch fließende Melodien und reichlich Terz- und Sextklänge auszeichnen. Le Franc stellt fest, dass sich auch die burgundischen Meister Guillaume Dufay und Gilles Binchois daran orientieren, die dann selber Musikgeschichte schrieben (Gesualdo Six am 15.11.).

Das britische Vokalensemble The Gesualdo Six
Salomone Rossi war ein italienischer Komponist um 1600. Als Angehöriger des jüdischen Glaubens komponierte er auch Musik für die Synagoge, und zwar mehrstimmige Stücke, was ein Novum war. Er nahm sich dazu in Mantua lateinische Vertonungen seines Kollegen Claudio Monteverdi zum Vorbild, deren Texte wiederum auf die Psalmdichtungen der hebräischen Bibel zurückgehen. Der Sänger, Cembalist und Komponist Elam Rotem, der in Herne sein Ensemble Profeti della Quinta leitet, verfolgt das Konzept einer Neuen Alten Musik. Er vertont biblische Texte in der Art des 17. Jahrhunderts, aber nicht als Stilkopie, sondern so, dass aus seinen Werken in der alten Tonsprache ein durchaus modernes Ausdrucksempfinden spricht. Zugleich knüpft er mit einer Spannweite von mehreren Jahrhunderten an die Tradition Rossis an (Profeti della Quinta am 15.11.).

Profeti della Quinta
Giovanni Legrenzi ist als stilbildender Opernkomponist im Venedig des 17. Jahrhunderts von großer Bedeutung. Er bildet das Bindeglied zwischen dem musikdramatischen Schaffen eines Francesco Cavalli oder Antonio Cesti und der opera seria, wie sie später Händel und andere in ganz Europa verbreiteten. In seiner Oper »Il Totila« verquickt Legrenzi eine heroische Geschichte aus den fernen Gotenkriegen mit komisch-parodistischen Elementen seiner Gegenwart. Das stellt für sich schon eine Technik der Aneignung oder Amalgamierung von Kulturleistungen ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Provenienz dar, nämlich der volkstümlichen commedia dell’arte und der höfischen Rezeption von Heldenepen eines Tasso oder Ariost (Nuovo Aspetto am 15.11.).

Der Cembalist Luca Quintavalle
Wenn man von kultureller Aneignung in der Musik spricht, bezieht sich das in der Regel auf Komponisten, die fremdes Material zu ihrem eigenen machen. Der produktive Akt der Aneignung kann sich aber auch in der Aufführung selbst vollziehen. Darauf zielt Katarina Livljanic ab, wenn sie in die Rolle der von Theseus verlassenen Ariadne schlüpft, dabei italienische Übersetzungen der Renaissance von Ovids fiktiven »Heroides«-Brieftexten verwendet und entdeckt, dass im performativen Akt »die Stimme wie die Seele von Körper zu Körper durch die Zeiten wandert« (Ensemble Dialogos am 16.11.).

Pino de Vittorio & Katarina Livljanic
Zum Schluss unseres Festivals präsentieren wir eine Aufführung von Antonio Salieris Meisterwerk »La grotta di Trofonio« aus dem Jahr 1785. Wenn man so will, ist das eine Vorwegnahme von Mozarts »Così fan tutte« mit ihrer Verwirrung in den Paarbeziehungen unter Anstiftung eines vermeintlichen Lehrmeisters. Eigentlich hatte Kaiser Joseph II. in Wien durch ein Verbot der italienischen Oper das deutschsprachige Singspiel fördern wollen. Aber er machte 1783 einen Rückzieher. Das Publikum wollte einfach solche italienischsprachigen Werke von Salieri (und Mozart), so sehr hatte man sich dieses Genre in Wien und anderswo inzwischen angeeignet (Hofkapelle München am 16.11.).

Der Leiter der Münchner Hofkapelle Rüdiger Lotter
Das Thema »Kulturelle Aneignung« findet in den letzten Jahren im Musikleben eher im Sinne einer Problematisierung Beachtung. Unter dem Motto »Die Welt und wir« wollen die diesjährigen Tage Alter Musik in Herne dagegen eine Vielzahl von produktiven Zugängen aufzeigen. Im Kulturradio WDR 3 werden die Konzerte in den Live-Übertragungen und den Konzertsendungen, die sich bis in den Februar 2026 anschließen, ein überregionales, später in den Übernahmen durch die European Broadcasting Union ein internationales Publikum finden.

Dr. Richard Lorber
Künstlerische Leitung
WDR 3

Details

Datum:
Sonntag, 16. November
Zeit:
0:00
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